Was ist Familie? Stabilität und Verlässlichkeit als Qualitäts-kriterien

von Dr. Albert Wunsch,
veröffentlicht in
ATKearney 361°

Die Frage, welche Art des Zusammenlebens die optimalsten Bedingungen für das Aufwachsen von Kindern bereitstellt, ist zukunftsweisend für die nachwachsende Generation und den Wirtschaftsstandort Deutschland, schreibt Albert Wunsch, promovierter Erziehungswissenschaftler und Psychologe, in seinem Beitrag für A.T. Kearney 361°.  Es geht ihm um eine punktgenaue Erfassung dessen, was im Zentrum einer gesellschaftlichen Förderung stehen soll.

Controlling, Effektivität und Effizienz, solche Begriffe prägen seit Jahren die Diskussion zur Optimierung von Arbeitsprozessen. Bisher wurde jedoch weitgehend ausgeblendet, einen prüfenden Blick auf die Qualität und Langzeitwirkung der vielen heute vorfindbaren Familien-Formen zu richten. Ist dies Zufall oder opportunistischer Tribut an den Zeitgeist? Denn die Frage, welche Art des Zusammenlebens die optimalsten Bedingungen für das Aufwachsen von Kindern bereitstellt, ist zukunftsweisend für die nachwachsende Generation und den Wirtschaftsstandort Deutschland. Aber beim Thema Qualitätsanforderungen zu Erziehung und Familie wird eher ‘das Schweigen der Lämmer’ in Szene gesetzt. Wie unscharf oft Begriffe verwendet werden, wird durch folgende Sequenz einer Podiumsdiskussion offenkundig:

 

‚Familie ist da, wo Kinder leben’! So das Statement einer Politikerin. Dazu kam sofort die Anmerkung: ‚Dann leben die unzähligen Kinder in den Slums der Welt quasi als Groß-Familie’. Leichte Irritation, dann der nächste Versuch, versehen mit der Randbemerkung, dass da doch wohl nichts auszusetzen wäre. ‚Familie ist da, wo Erwachsene mit Kindern leben’! Aber auch diese Formulierung löste ein deutliches Unverständnis bei einem Mitdiskutanten aus. Bevor er sich äußern konnte, die Situation im Podium wirkte schon leicht angespannt, kam: ‚Wollen sie hier etwa konservatives Denken propagieren und dabei die vielen modernen Familienformen ausgrenzen’? Als Entgegnung kam ein deutliches: ‚Nein, es geht um Klarheit’. Denn wenn diese Beschreibung so stehen bliebe, dann wären die unter einem Dach mit Kindern lebenden Vernachlässiger, Missbraucher und Gewaltanwender ja eine traute und auch zu fördernde Familie.

Daher folgende qualitative Definition:

„Familie ist da, wo Eltern und Kinder in gegenseitigem Respekt eine in die Zukunft weisende Verantwortung füreinander übernehmen,

- in Bezug zu den Kindern, die Beziehungs- und Erziehungsverantwortung!

- als gegenseitige Beistandschaft in Freud, Leid und Not!

- in Bezug zu den Eltern, eine Mitverantwortung für das Leben im Alter!“

Es geht also keinesfalls um Haarspalterei, sondern um eine punktgenaue Erfassung dessen, was im Zentrum einer gesellschaftlichen Förderung stehen soll.

Auf der Sprachebene wird der Kampf der Gesinnungen offensichtlich. So geben sich Menschen, die in recht instabilen familienähnlichen Formen leben, per Selbstetikettierung das Vorzeichen „modern“ und beschreiben sich als bunt, facettenreich und lebendig. Im Gegenzug wird versucht, stabile familiäre Lebensformen als alt, konservativ und nicht mehr lebbar abzuqualifizieren.

Dass es auch viele Eltern gibt, die sich nicht aus Fahrlässigkeit trennten, ist trauriger Alltag. Bei diesen wird jedoch selten eine Glorifizierung der neu gefundenen Form eines (Zusammen)-Lebens jenseits der Ursprungsfamilie offenbar. Frei gewählt hat in der Regel eine solche Situation niemand. Somit bringt eine Klassifizierung nach ‚alt’ oder ‚neu’ nichts. Viele solch ‘offener Formen des Zusammenlebens von Erwachsenen mit Kindern’ offenbaren jedenfalls dem Sehenden, dass emotionale Verunsicherung und Instabilität ein beträchtliches Konfliktpotential in sich bergen. Wenn in einer Gesellschaft jedoch stabile und eher instabile Formen des Zusammenlebens von Erwachsenen mit Kindern als frei wählbar betrachtet werden, dann hat der Staat seine besondere Unterstützung denen zu geben, welche die größten Chancen für eine optimale Erziehungswahrnehmung bieten, so der renommierte Familienforscher Franz-Xaver Kaufmann. Außerdem entspricht dies genau dem Geist und Anspruch des Grundgesetzes.

Das Wasser nur bei Gefälle fließt, ist eine uralte Erkenntnis. Dass Viren PC-Systeme zerstören, belegen aktuelle Ereignisse. Die Frage, ob eine Lebensform ‘alt’ oder ‘neu’ genannt wird, sollte möglichst bald überwunden werden. Dagegen sind regelmäßig die Bedingungen für das Aufwachsen von Kindern einer Bewertung zu unterziehen. Und dazu gehören insbesondere die Qualität der Erziehung sowie die Verlässlichkeit des Zusammenlebens als Familien.

Albert Wunsch ist promovierter Erziehungswissenschaftler, Psychologe, Supervisor (DGSv) und Konflikt-Coach. Er lehrt seit 2004 Konzepte der Eltern-Qualifizierung, Pädagogik der Kindheit, Methoden der Gesprächsführung, Konflikt-Management und Supervision an der Katholischen Hochschule NRW in Köln. Wunsch hat Lehraufträge an der Philosophischen Fakultät der Uni Düsseldorf und an der Hochschule für Oeconomie & Management in Neuss.

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